Forschung mit gesellschaftlicher Verantwortung

Dr. Thomas Wolff im Interview

„Nur wenn diese Herausforderung von vielen Schultern mitgetragen wird, kann man große Effekte erreichen.“ – Nachhaltige Forschung im KUZ

Der Geschäftsführer Dr. Thomas Wolff steht Rede und Antwort zu den Nachhaltigkeitszielen sowie der zukünftigen Aufstellung des KUZ.

Nachhaltigkeit ist ein umfassender Begriff. Was versteht das KUZ als Forschungsinstitut für die Kunststoffbranche darunter?

Die Frage ist tatsächlich sehr interessant, da Nachhaltigkeit im Moment als Modewort sehr heterogen interpretiert wird. Für mich, aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des KUZ, ist es eine langfristige Orientierung auf „tragfähige Lösungen“ in unserem privaten Umfeld, bei unserer täglichen Arbeit, für die Region, unsere Branchen und die gesamte Gesellschaft. Das betrifft nicht nur die Ökologie, die zweifelsohne im Vordergrund steht, sondern auch die soziale Nachhaltigkeit im Bereich der Arbeitswelt, wo der Erhalt der Arbeitskraft und die Vereinbarkeit von familiären und beruflichen Interessen eine Rolle spielen. Und natürlich betrifft es auch die ökonomische Nachhaltigkeit für das KUZ selbst sowie diejenige unserer Kunden, die dafür sorgt, dass wir langfristig handlungsfähig bleiben. Die ökologische Nachhaltigkeit treiben wir mit einer Vielzahl von Projekten voran, in denen die Ressourceneffizienz verbessert, der Energieverbrauch verringert und der Wiedereinsatz von Kunststoffen begünstigt wird. Hier haben wir die Bedarfe unserer Kunden vor Augen, die zukünftig an ihrem Beitrag zur CO2-Einsparung gemessen werden und denen wir mit verschiedensten Angeboten helfen wollen, ihre Zielsetzung zu erreichen. Aber auch unsere Forschungseinrichtung soll ein Vorbild sein. Wir wollen unseren eigenen CO2-Footprint kurzfristig halbieren und langfristig ebenfalls komplett eliminieren.

Die ökonomische sowie soziale Nachhaltigkeit sind Leitplanken unseres Tuns, die wir gemeinsam mit den Mitarbeitern gestalten, sodass die Arbeit Spaß macht – in kreativen und gestalterischen Organisationen aus meiner Sicht essenziell – und das KUZ natürlich im Rahmen seiner Gemeinnützigkeit weiterhin finanziell handlungsfähig bleibt, hoffentlich sogar moderat wachsen kann.

Was sind die wichtigsten Handlungsfelder für ein nachhaltiges Wachstum des KUZ?

Die Wachstumsfelder des KUZ sind hauptsächlich themengetrieben. Das Thema der nachhaltigen Prozesse in der Kunststoffverarbeitung ist aktuell das größte Handlungsfeld. Wir bauen intern Personal und Kompetenzen dazu auf, rüsten uns mit Methoden beispielsweise zur Bewertung verschiedener Nachhaltigkeitskennzahlen aus und bauen bis zum Jahresende ein neues Geschäftsfeld dazu auf. Das geht Hand in Hand mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung, welche viele Optimierungen im Sinne der Nachhaltigkeit durch die damit geschaffene Transparenz über Prozesse erst möglich macht. Weiterhin nehmen wir in unser Technologiespektrum vor allem solche Prozesse auf, die als Bausteine in den auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Prozessketten fehlen. Allerdings muss ich hier einschränken, dass wir seitens Struktur und Fläche am Standort des KUZ keine großen Spielräume haben. In den meisten Fällen muss Altes weichen, bevor wir Neues aufnehmen können. Daher werden wir uns langfristig sicherlich örtlich verändern müssen.

Welche Schritte auf dem Weg zu einem nachhaltigen Institut ist das KUZ bereits gegangen?

Das Thema bewegt uns auf der Forschungsseite schon lange Zeit, sodass wir bereits ein ganzes Spektrum von Lösungen für die Branche erarbeitet und transferiert haben. Beispielsweise starteten wir 2012 mit dem Projekt EnOptima, bei dem es um die Energieeffizienz im Spritzgussprozess ging. Wir haben Methoden zur Nutzung von Gluten als Werkstoff entwickelt oder Wege für die Ressourceneffizienz bei der Entwicklung von Werkstoffen durch Realisierung von Mikro-Probekörpern und damit korrespondierender Prüftechnik geschaffen. Diese wenigen Beispiele zeigen sehr gut das breite Spektrum unserer Aktivitäten mit Nachhaltigkeitsfokus. Aktuell haben wir Themen zur Verarbeitung von Recyclingware in geschäumten Bauteilen (RecySchaum) oder dem Wiederaufbereiten und -einsatz von Pulver aus additiven Fertigungsverfahren (ReUp-3D-Printwaste) in Bearbeitung. Bei unseren Aktivitäten zur Verringerung des KUZ-eigenen CO2-Footprints sind wir allerdings noch nicht so weit wie wir gerne wären, muss ich eingestehen. Hier kam der Stein erst letztes Jahr so richtig ins Rollen und das aufgrund der Initiative unserer Mitarbeiter, worauf ich sehr stolz bin. Denn nur wenn diese zusätzliche Herausforderung von vielen Schultern mitgetragen wird, kann man große Effekte erreichen. Alle Initiativen hierzu stoßen wir gemeinsam an, sei es die Reduzierung des Abfallaufkommens oder Maßnahmen zur Energieverbrauchs-Reduzierung. Im Moment sind wir über einen Nachhaltigkeitscheck mit unserem Partner Chemie³ richtig tief in unsere Prozesse eingetaucht, erzeugen weitere Transparenz und haben ein erstes Kennzahlenset abgeleitet, an dem wir unseren Fortschritt messen können.

Welche Forschungsthemen stehen im Fokus des KUZ? Wie wirken sich diese auf die nachhaltigen Ziele des KUZ aus?

Am KUZ haben wir uns vor allem den technischen Teilen verschrieben. Hier arbeiten wir an Lösungen für künftige Kunststoff-Anwendungen in der Mobilität, der Medizin und der Elektronik – also Bereichen, in denen der Kunststoff aufgrund seiner vielfältigen Möglichkeiten zum Leichtbau, der Funktionalisierung und der Miniaturisierung einen signifikanten und nicht ersetzbaren Beitrag leisten kann. Das sind aber auch Bereiche, bei denen der Mensch direkt mit Kunststoff in Berührung kommt, sei es durch die Bedienung von Geräten, über Oberflächen oder sogar direkt im Körper über Implantate. Damit wiederum brauchen wir für solche Anwendungen eine hohe Akzeptanz des Werkstoffs beim Nutzer. Diese Akzeptanz ist auch mit Fragen nach nachhaltigen Herstellverfahren und der Circular-Economy verknüpft. Ziel ist es, bei jeder Anwendung sicher argumentieren zu können, warum exakt diese Art der technischen Lösung für die jeweilige Anwendung der beste Weg einer nachhaltigen Umsetzung war. Ich weiß, dass das ein hehres Ziel ist, aber ich glaube diesen Weg müssen wir gehen, um die vielfach emotionalen Diskussionen zu ersetzen.

Als gemeinnützige Forschungseinrichtung unterstützt das KUZ vor allem auch KMUs. Was hat das KUZ in puncto Nachhaltigkeit für diese zu bieten?

Wie schon angedeutet, wollen wir zum Jahresende das Geschäftsfeld der Nachhaltigkeitsbewertung anbieten. Viele KMUs werden durch ihre Auftraggeber aufgefordert, transparent ihren CO2-Footprint wiederzugeben und Maßnahmen zur Reduzierung der jeweiligen Kennzahlen vorzustellen. Mit unseren Experten können wir effizient Prozessketten bewerten und darüber hinaus bereits Optionen zur Optimierung der Prozesskette vorstellen. Dieses Angebot können wir natürlich auch mit unserem etablierten Dienstleistungsspektrum koppeln und somit auch Verfahrensentwicklungen, Bauteil- und Werkzeugauslegungen oder die Werkstoffauswahl mit diesen Analysen und abgeleiteten Optionen verknüpfen. Ein ähnliches Angebot können wir auch zur Circular-Economy unterbreiten. Wenn es um die Umstellung von Neuware auf Recyclat geht oder ein gewisser Recyclat-Anteil in ein Produkt eingebracht werden soll, helfen wir bei der Entwicklung, Anpassung und Optimierung der Verarbeitungsprozesse speziell für die Recyclatware, ggf. bis hin zur Optimierung der Bauteilauslegung aus Kenntnis der veränderten Werkstoffeigenschaften. Auch unseren bekannten und viel genutzten Fehlerkatalog bauen wir zu Aspekten des Recyclateinsatzes aktuell aus. All diese Themen halten im Übrigen Einzug in unser Weiterbildungsangebot. Mit dem neuen Seminar „Recycling im Spritzgießbetrieb“ ist das erste Angebot ab sofort buchbar.

Wo sehen Sie das KUZ in 10 Jahren?

Irgendwo in Leipzig. In der Tat müssen wir aus Gründen des Wachstums in diesem Zeitraum einen Ortswechsel vollzogen haben. Thematisch werden wir uns allerdings treu bleiben. Ich denke, dass das etablierte Verfahrensspektrum im Großen und Ganzen auch in 10 Jahren noch attraktiv ist. In Bezug auf die Nachhaltigkeits-Fragestellungen wird das Themenfeld dann allerdings nichts Besonderes mehr sein, sondern eine Routine unseres täglichen Tuns und das ist dann auch gut so.

Vielen Dank!